Das Blau des Himmels; ein Bier in einem Pariser Café; ein Glas Rotwein; die ramponierte Poesie von Daniel Darc; die Erinnerung an das Meer; die Einsamkeit der Schöpfung; Psalm 23… Es bedarf nicht viel, um zu verstehen, dass diese beiden Männer mehrere Leidenschaften teilen und dass ihre Begegnung letztlich nicht so zufällig ist, wie manche vielleicht denken… Michel Houellebecq ist uns natürlich durch seine Romane bekannt, die in über 40 Sprachen übersetzt wurden, seinen Goncourt-Preis (Die Landkarte und das Territorium, 2010), seine wenigen Kinoauftritte und die Kontroversen, die er auslöste. Weniger bekannt ist hingegen sein erstes Album, das vor genau einem Vierteljahrhundert bei Tricatel erschien. Hinter „Présence Humaine“ – einem Album, das Kultstatus erlangte, orchestriert von Bertrand Burgalat und den Musikern von Eiffel und beinahe unbewusst der Vorläufer der Band AS Dragon – schwebten die Schatten von „Der Mann mit dem Kohlkopf“, eines desillusionierten Procol Harum und eines weltmüden Burt Bacharach über Houellebecqs Gedichten. Zwölftausend verkaufte Exemplare und einige Konzerte später beschloss der Schriftsteller – so schien es zumindest –, sich von der Bühne zu verabschieden, um die Kontroversen umso mehr anzuheizen und den literarischen Erfolg in vollen Zügen zu geniessen. Frédéric Lo ist natürlich als aussergewöhnlicher Liedtexter, Komponist, Arrangeur und Produzent bekannt, der mit „L’Outrebleu“ ein erhabenes viertes Soloalbum veröffentlichte – und als Meister der Zusammenarbeit –, wie das englische Duo Bill Pritchard und Peter Doherty nur allzu gut weiss. Er ist auch ein Retter, ein wahres Wunderkind der Popmusik. Die Geschichte wurde schon tausendfach erzählt, aber sie verliert nie an Aktualität: Durch die Zusammenarbeit mit seinem Nachbarn Daniel Darc schuf er eines der schönsten Alben französischer Lieder, dessen Titel bereits den Schmerz andeutete… Mit „Crèvecœur“ schuf das Duo den Soundtrack zu einem melancholischen Ideal, der neben so vielen anderen gebrochenen Herzen auch den sichtlich gerührten Michel Houellebecq berührte. Houellebecq und Frédéric Lo lernten sich bei der Arbeit an einem Tributalbum kennen, das Lo zum zehnten Todestag von Daniel Darc plante. Ihre Aufnahme von „Psalm XXIII“ wurde jedoch zu ihrer grossen Enttäuschung vom Label abgelehnt und erschien daher nicht auf der finalen Version von „Cœur Sacré“ (2023). Doch bekanntlich hat alles auch sein Gutes – oder fast. Die beiden beschlossen, ihre Zusammenarbeit zu vertiefen. So vertonte Lo in seinem Studio in Pantin die Worte des Dichters. Das Ergebnis ist reduzierte Musik, durchzogen von Elektronik, verziert mit Klavier und altmodischen Drumcomputern, oft minimalistisch, manchmal repetitiv – der perfekte Rahmen für zwölf Texte, die die Vergangenheit und Zukunft der Menschheit hinterfragen und reflektieren – sofern es überhaupt eine gibt. Reflexionen über die menschliche Existenz im Stil des 21. Jahrhunderts, ein Werk spekulativer Fiktion, erdacht von zwei ewig modernen „jungen Männern“: „Remember Man“ ist ein Album, das mitunter an „La Folie“ von The Stranglers erinnert – und angesichts des Titels ist das wohl kein Zufall. Vor allem aber ist es ein hypnotisches und melancholisches Album, kompromisslos und fesselnd. Und nicht zuletzt ist es ein Album ohnegleichen.
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